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Ultra-Trail du Mont-Blanc

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc ist der „heilige Gral“ der Ultra-Trainrunning-Szene, vergleichbar mit dem Ironman in Hawaii für TriathletInnen. Auch das Team Vegan.at konnte durch 3 Athleten (Christoph, Robert und Werner) vertreten sein, die sich durch andere Bewerbe qualifizieren konnten und dann noch etwas Glück bei der Auslosung hatten (es gibt weniger Plätze als durch die Qualifikation Startberechtigte).
Ein paar Zahlen für diese unbeschreibliche Ausnahmebelastung auf Geist und Körper:   

  • 170 Kilometer
  • Über 10.000 Höhenmeter
  • Eine Siegerzeit von 20h40 Minuten und eine Cut-Off-Zeit im Ziel von rund 47h
  • 2300 StarterInnen, davon rund 1750 FinishreInnen (rund 23 Prozent Drop-Out-Qoute)


Aufgrund der körperlichen Strapazen und der strengen Cut-Off-Zeiten konnte nur Werner das Rennen finishen (in 35h44min, Gesamt-Rang: 373, Robert und Christoph wurden nach rund 25h aus dem Rennen genommen), welcher den folgenden großartigen Erfahrungsbericht verfasst hat. Dieser gibt wunderbare Einblicke, wie sich Körper und Geist im Rahmen solch einer Ausnahmebelastung verhalten. Viel Spaß beim Lesen und einen riesen Glückwunsch an unsere drei Ultras!

Erfahrungsbericht von Werner

Für diejenigen, die mit den berühmten vier Buchstaben, die für viele Trailläufer die Welt bedeuten, nichts anfangen: UTMB steht für Ultra Trail du Mont Blanc und ist so etwas wie ein weltweites Gipfeltreffen des Trailrunnings. Das größte Event in diesem Sport, vergleichbar vielleicht mit der Tour de France für Radfahrer. Ein Großteil der Weltelite steht am Start, zusammen mit Läufern aus mehr als 90 Ländern, die sich für einen Startplatz über ein Punktesystem qualifiziert haben und auch noch das Glück hatten, bei der Lotterie gezogen zu werden.

Es wird eine Runde um das komplette Mont Blanc Massiv gelaufen. Die 170km lange Strecke führt durch drei Länder (Frankreich, Italien, Schweiz) und hält über 10000 Höhenmeter bereit. Die Läufer haben dafür maximal 46,5h Zeit.

Los ging es am Donnerstag mit dem Ausrüstungs-Check und den Starunterlagen. Fast schon ein eigener Bewerb! Die Kontrollen der Ausrüstung sind streng. Jedes Teil wird genauestens geprüft und dabei ist meine Regenjacke gleich mal durchgefallen – ein paar undichte Stellen bei den inneren Schweißnähten. Ich musste mit einer Ersatzjacke nochmal anrücken, um eine Startnummer zu bekommen.

Start war am Freitag um 18:00 Uhr. Der Wetterbericht war nicht sehr vielversprechend. Regen für die ersten 3-4 Stunden des Rennens. Kurz vor dem Start, kam vom Veranstalter auch noch die Nachricht, dass die Pflichtausrüstung um das Kälte-Kit erweitert wird. Auf den Bergen wurden -10°C erwartet.

Die Läufer sammelten sich größtenteils mit Regenpochos eine Stunde vor dem Start hintern dem gigantischen Start/Ziel-Bogen am Place du Triangle. Die Warterei zog sich, aber später zu kommen war auch keine Option, bei ca. 2500 Startern.

Als dann aber kurz vor 18:00 Uhr die legendäre Melodie „Conquest of Paradise“ von Vangelis angestimmt wurde, lief es einem kalt den Rücken hinunter. Es ging ein Johlen durch die Menge und alle Hände (mit Kameras, Handys und GoPros) nach oben. Ein Hubschrauber kreist über über der Stadt und der Puls steigt, ohne auch nur einen Meter gelaufen zu sein.

Mit der Starthupe setzte sich der Mob in Bewegung. Die Elite war natürlich vorne weg und das restliche Feld schob sich durch die Gassen von Chamonix. Bis man wirklich ins Laufen kam, dauerte es ein wenig. Ein Meer von Händen, Kameras, Smartphones, Fahnen, und aus jeder Ecke schallte es “Allez, allez”. Ein unglaubliches Erlebnis!

Die ersten km ging es relativ entspannt dahin und es hatte auch aufgehört zu regnen. Die erste Verpflegestation bei Les Houches lies ich aus. Es herrschte ein unglaubliches Gedränge und nach flachen 8km braucht man wirklich noch keine Labe. Danach stand der erste Anstieg bevor, hinauf auf den Le Delevret mit ca. 800 Höhenmetern. Es ging eher langsam dahin, da sich das riesige Läuferfeld einfach nicht auflösen wollte. Immer wieder Staus oder sehr langsames Vorankommen. Den Berg wieder hinunter gab es bei km 21 die nächste Labe. Die Trinkblase wurde aufgetankt und ein paar Stück Bananen eingeworfen. Auch hier bin ich so schnell wie möglich durch, denn die 10km bis zur nächsten Versorgung waren nicht sonderlich herausfordernd. Ab km 31 war dann aber das Einlaufen vorbei. Es ging rauf auf den Col du Bonhomme auf 2500m. Der Anstieg war lang und teilweise steil, aber technisch nicht sonderlich schwer. In knapp 3h war ich am Gipfel und es ging auch gleich wieder runter zur nächsten Labe nach Chapieux bei km 50.
Dort hab ich auch die erste kurze Pause eingelegt zum Trinkblase befüllen, Obst essen und 2 Gels runter drücken. Es ging auch gleich wieder hinauf auf den nächsten 2500m Berg, den Col Seigne. Dieser Anstieg war etwas kürzer, hat für mich knapp 2,5h gedauert. Danach ein kurzer Abstieg nach Lac Combal und wieder rauf auf den Mt. Favre, wo auch langsam die Morgendämmerung einsetzte. Die lange, kalte Nacht war endlich vorbei. Den langen Abstieg hinunter nach Courmayeur bis zu km 80 machte ich bereits im Tageslicht. Dort hatte man Zugriff auf sein Drop-Bag. Ich plante hier eigentlich einen kompletten Kleidungs- und Schuhwechsel, aber da ich absolut keine Probleme hatte, entschied ich mir diese Zeit zu sparen und ich wechselte nichtmal die Socken. Ich füllte nur meinen Gel-Vorrat auf und versuchte das erste Mal das warme Essen der Laben. Für Veganer gab es eine Suppe und Tomatennudeln, beides war allerdings kein Highlight und ich beschloss, das besser bleiben zu lassen. Aus dieser großen Versorungsstation war ich nach ca. 30min wieder draußen.
Es ging hinauf auf den Bertone, ein steiler, harter Anstieg zum wahrscheinlich schönsten Abschnitt dieses Rennens. Oben angekommen, lief man ca. 12km lang auf einer Hochebene in 2000m Höhe wellig dahin. Im Blickfeld ständig die atemberaubende Bergkulisse des Mont Blanc Massivs von der italienischen Seite. Diese km waren auch fast durchwegs laufbar – Trailrunning at it‘s best!
Leider wurde das Wetter auch tagsüber nicht besser. Es regnete zwar nicht mehr, aber es war kalt und windig.
Nach der Hochebene begann der Anstieg auf den Grand Col Ferret, den höchsten Punkt der Strecke auf ca. 2600m. Dort hinauf war es richtig hart! Nicht weil der Anstieg so schwer war, sondern weil man mit Wind und Kälte kämpfte. Die Sturmböen oben am Gipfel waren so stark, dass man sich kaum auf den Beinen halten konnte. Nichts wie runter! Ein 20km langer Abstieg sorgte für etwas Entspannung bevor es kurz und sehr knackig hinauf zur nächsten Labe in Champex ging. 125km waren geschafft und es standen nun noch drei Anstiege bevor.

Obwohl ich in dieser Labe auch nichts anders gemacht habe, als in den anderen zuvor (Gels, Obst, Cola), kam ich unglaublich frisch dort weg. Die nächsten km waren auf einmal kinderleicht zu laufen. Sogar Steigungen waren wieder laufbar. Im Anstieg auf den La Giete überholte ich Läufer um Läufer. Ich rannte den Berg förmlich hinauf. Woher dieser Energieschub gekommen ist, ist mir ein Rätsel. Auch bergab konnte ich richtig Tempo machen. Auf diesem Abschnitt bis zur nächsten Labe in Trient, überholte ich 133 Läufer.
Diese Labe war ein einziges Partyzelt mit Disco-Stimmung. Der DJ war auch informiert wer gerade angekommen ist und er freute sich scheinbar sehr über einen Österreicher. „Where is Werner?“ hallte es mehrmals durch die Lautsprecher. Ich befüllte gerade meine Trinkblase und winke ihm zu. Voller Freude winke er mir zurück und legte für mich „Anton aus Tirol“ auf! Das muss einfach jedem Österreicher gefallen. Tja, damit wurde mein Aufenthalt in der Labe nur noch mehr verkürzt…

Es gibt ein Sprichwort: „Wenn es dir bei einem Ultratrail richtig gut geht, mach dir keine Sorgen, das geht vorüber.“
Und so war es dann auch. Im nächsten Abschnitt von Trient nach Vallorcine kam der unvermeidliche Einbruch. Der Anstieg hinauf nach Tseppes war an Steilheit kaum zu überbieten. Die Beine taten weh, der Energieschub war vorüber und ich quälte mich endlos lange hinauf und auch hinunter bis zur nächsten Labe.
Aber es standen nun nur mehr ein Berg und knapp 20km zwischen mir und dem Ziel. Also weiter ohne lange Pause.
Der Anstieg zur letzten Labe in La Flegere war genauso mühsam wie jener zuvor. Diese Verpflegung ließ ich aus und machte mich auf die letzten 8km lang hinunter Richtung Chamonix. Zuerst über eine Schipiste, dann über einen verwurzelten Waldweg und schließlich über eine Forststraße – alles mittlerweile sehr mühsam, aber das Ziel war zu nahe, es wurde gelaufen wo es nur ging.
Es war bereits nach halb Sechs morgens, und trotzdem waren noch vereinzelt Zuschauern in den Straßen von Chamonix und klatschen die Läufer ins Ziel.
Nach genau 35h 44min stand ich endlich wieder unter dem eindrucksvollem Zielbogen am Place du Triangle – der UTMB war geschafft!

Zur Statistik:
2561 Läufer waren am Start, 782 mussten aufgeben und 1779 kamen ins Ziel.
Der schnellste Läufer benötigte 20h 44min, der langsamste 46h 56min.
Bei der ersten Zwischenzeit lag ich auf Platz 1352, ins Ziel kam ich auf Platz 373.
Unterwegs verbrauchte ich 28 Gels, 4 Riegel und 6 Päckchen Tailwind.

Was für ein Lauf! Die Veranstalter sprachen über den UTMB vom „Super Bowl“ des Trailsports und der „Königin“ aller Laufstrecken. Mit Superlativen wurde nicht gespart, allerdings wurde auch geliefert was versprochen wurde.
Es gibt wohl keine Laufveranstaltung mit einer ähnlichen Stimmung, einer so perfekten Organisation, so euphorischen Zusehern und Helfern.

Der UTMB ist wohl tatsächlich der heilige Gral des Utratrials. Ich denke Chamonix sieht mich irgendwann in den nächsten Jahren wieder…