Marlene bezwingt den Kilimandjaro

Marlene bezwingt den Kilimandjaro

1. Tag
Um 09:00 wurden wir vom Hotel abgeholt, ca. um 14:00 waren wir am Startpunkt. Zu unserer Überraschung ging´s gleich ordentlich steil bergauf los, die Landschaft – Regenwald bzw. eigentlich Bergnebelwald – war extrem reizvoll und so genossen wir die ersten paar Meter unseres großen Abenteuers in vollen Zügen. Eigentlich ging´s problemlos voran, weshalb wir statt der geplanten 4 Stunden nur 01:41 benötigten, bis wir im 1. Camp ankamen. Dort gab´s Abendessen und wir gingen eigentlich recht früh – so um 19:30 – schlafen.

2. Tag
Unerwartet war die Nacht eine einzige Katastrophe – ich konnte maximal 2 Stunden schlafen,wurde ständig geweckt und bin einfach

Marlene bezwingt den Kilimandjaro

nicht zur Ruhe gekommen. Dementsprechend froh war ich, als es endlich 06:00 war und ich aufstehen konnte. Kurz Zähne geputzt, Frühstück und schon ging´s wieder los, ab in den Regenwald, 16km und 1.223hm lagen vor uns, von 2.785 m auf 3.887 m. Ziemlich bald wurde die Landschaft karger, wir kamen in die Moorzone. Anfangs war der Weg noch richtig schön, gut befestigt und ich bin – trotz meines massiven Schlafmangels – vollkommen problemlos vorangekommen. Bereits nach ca. 3km änderte sich die Landschaft allerdings relativ abrupt und wir mussten ziemlich steil über hohe Steine nach oben „klettern“. Das macht ja 15min auch wirklich Spaß, nach ca. 2 Stunden war ich ziemlich am Ende meiner Kräfte angelangt. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass ich „bereits“ 4km geschafft habe – olé, nur noch 12 km vor mir. Dann gings aber wieder ein bisschen lockerer dahin, der Weg war wieder befestigt und so kamen wir recht gut voran bis ins Shira I Camp, wo es Mittagessen (Lunchbox) gab. Gemütlich angelehnt an eine Blockhütte bemerkte ich, wie müde ich eigentlich bin und am liebsten wäre ich sitzengeblieben. Aber – nix gibt’s, es lagen noch 10km vor uns. Also warm anziehen (mittlerweile hatten wir nur noch ca. 10 Grad) und weiter gings, zuerst relativ weit (geschätzt 6km) übers Shira Plateau, schön gemütlich gerade dahin. Ein bisschen hat mir das Sorgen gemacht, weil sich die Höhenmeter auf meiner Uhr dadurch nicht veränderten und dann kam das unausweichliche – natürlich wieder steil bergauf. Leider begannen während dieses Aufstiegs bei mir ordentliche Kopfschmerzen, gepaart mit dem erhöhten Puls, mit meiner Müdigkeit und der Kälte war das Ganze dann schon eine ordentliche Herausforderung. Und das bereits am 2. Tag – na die nächsten 5 Tage können ja noch heiter werden! Im Camp gab´s gleich wieder essen und sofort Sachen ausgepackt und rein in den Schlafsack.

Marlene bezwingt den Kilimandjaro3. Tag
Diese Nacht war ein Traum! Nachdem ich eine Kopfschmerztablette genommen habe, hab ich 11 Stunden durch wie ein Stein geschlafen, am Morgen war ich extrem gut drauf, fit, kein Kopfweh mehr, alles perfekt. Beim Frühstück ordentlich zugelangt und es ging auch schon los, natürlich wieder ordentlich steil bergauf weg. Allerdings hat mich das an keinem Tag so wenig gestört wie an diesem, da wir gerade auf den Gipfel zugingen (bisher haben wir diesen eher umrundet) und somit endlich eine Annäherung ersichtlich war. Außerdem hatten wir wieder unglaubliches Glück mit dem Wetter, sodass unsere größte Sorge war, nur ja keinen Sonnenbrand zu bekommen. So ging´s anfangs recht problemlos dahin, aber irgendwie wurde das Gehen – trotz meiner hervorragenden Laune – sukzessive beschwerlicher. Ein kurzer Blick auf die Uhr lies den Grund erahnen – wir waren binnen kürzester Zeit auf 4.300m angelangt. So musste ich meine Schritte verlangsamen, sobald ich mich zu schnell bewegte (was ja bergab beispielweise durchaus nett wäre) hatte ich das Gefühl, ich würde Intervalle laufen. So gings im Schneckentempo dahin, dass mittlerweile nicht mal mehr meine Uhr die Geschwindigkeit anzeigte, trug nicht unbedingt zur Verbesserung meiner Laune bei. Dann – endlich – der Lava Tower, das Camp in Sicht. Man stellt sich die ganze Zeit vor, wenn man das Camp endlich sieht wird man gewiss begeistert drauf zustürmen – aber auf 4.634m stürmt überhaupt niemand mehr irgendwohin. Also im Mäuschenschritt auf das Camp zugekrochen, endlich dort mal hingesetzt und den unglaublichen Ausblick auf den Gipfel genossen, mittlerweile befanden wir uns direkt darunter. Dann kurz Mittagessen und spätestens an diesem Tag habe ich eine irre Leidenschaft für Suppe entwickelt. Essen ist auf der Höhe nicht mehr so einfach, aber Bratkartoffel in viel Suppe zerdrückt rinnt runter und sättigt auch. Gusto hat man dort keinen mehr, ich hatte eine Vego in der Hand und hab sie wieder weg gepackt.Marlene bezwingt den KilimandjaroZunehmend wurde ich deprimierter in Hinblick darauf, dass ich jetzt schon so erschöpft bin, zum Gipfel selbst aber noch 1.600hm fehlen. Der Freund meines Vaters, der uns begleitet hat, hat meine Enttäuschung mitbekommen, mich gepackt und aufs Plateau gebracht um mir was zu zeigen und – ohne Übertreibung – dort sah es aus wie in einem Lazarett. Ca. 70% der Leute die da oben angekommen sind, haben sich sofort hingelegt, die Guides hatten alle Hände voll zu tun, dass niemand einschläft. Viele haben am ganzen Körper gezittert, sicher 50% haben sich mindestens 1x übergeben, ich hab dann einer Frau geholfen die überhaupt nicht mehr in der Lage war, einen Becher mit Tee selbst zu halten. Ich war geschockt und insofern gar nicht sooo unglücklich, als es ziemlich bald hieß wir müssen weiter. Nämlich – zu unserer großen Freude – bergab, wieder zurück auf ca. 3.900m. Während des Marsches von rund 4km (rauf warens 6km) wurde mir zunehmend bewusst, wie gut es uns 3 eigentlich noch geht, ein bisschen Kopfweh, aber wir waren alle 3 sogar noch in der Lage zu essen. Leider hab ich mir beim bergabgehen ordentlich Blasen geholt, was die darauf folgenden Tage nicht unbedingt angenehmer machte. Überhaupt war in dem Camp in das wir kamen so ein bisschen ein mentaler Tiefpunkt – meine Mutter war nach einem Telefonat mit meinem Vater komplett deprimiert und kaum mehr „auf grade“ zu kriegen, aufgrund des permanenten Staubes der letzten Tage waren meine Lippen aufgerissen, meine Haut war katastrophal trocken und hat weh getan und mir ist immer wieder Blut aus der Nase gelaufen, welches ich natürlich nichtMarlene bezwingt den Kilimandjaroabwaschen konnte. Dazu kam, dass mir langsam die Toiletten wirklich gewaltig auf die Nerven gingen – schon geflieste Hütten, allerdings nur mit Löchern im Boden. Soweit kein Problem, wenn gelegentlich jemand auch dieses Loch treffen würde. Faktisch liefs drauf raus, dass wir nur in Wanderschuhen die WC`s betraten, da meist ca. 1cm hoch der Urin stand und auch sämtliche andere Hinterlassenschaften von ca. 2 Wochen klebten am Boden und an den Wänden der Löcher. Die Toiletten einfach durch Bush Break zu vermeiden wollte ich aber nicht, da auf der Höhe nichts mehr verrottet. So ging´s – nach 2 Stamperl Schnaps die ich an diesem Abend wirklich brauchte – ins Zelt, in Erwartung eines wirklich harten Tages, da wir die Barranco Wall rauf mussten.

4. Tag
Diese Nacht war eigentlich – bis auf die Tatsache dass es mittlerweile recht ungemütlich kaltMarlene bezwingt den Kilimandjarowar (unser Zelt war in der Früh angefroren) gut, ich konnte zumindest 6 – 7 Stunden schlafen. Wie immer um 06:00 aufgestanden, bemühen, beim Frühstück möglichst viel zu essen und ab zur gefürchteten Barranco Wall – 383hm in 1,2km. Den Rest kann man sich denken – ich war sooo froh, dass ich so oft bouldern war. Hach war das ein Spaß! Ich hab die Kletterei sooo genossen, endlich mal ein bisschen Abwechslung! Oben angekommen konnte ich meinen Mund vor lauter Staunen nicht mehr schließen – wieder absolutes Kaiserwetter, der Ausblick über den Wolken auf den Mount Meru – ein Traum! Ich glaube, ich bin dort sicher 30min gesessen und hab mich bemüht, mir jedes Steinchen tief einzuprägen. Leider mussten wir weiter, es galt noch 4km bergauf und bergab zu gehen, bis wir am Nachmittag im nächsten Camp auf 4.019m anlangten. Dort hab ich mal versucht, mich zu waschen, war aber relativ vergebene Liebesmüh. Da es mir richtig gut ging, beschloss ich, dem Prinzip „walk high, sleep low“ zu folgen und bin noch ein gutes Stück des Weges weitergegangen – mittlerweile wieder vollkommen problemlos – außer dass man sich natürlich extrem langsam bewegen muss. Pünktlich zum Abendessen war ich natürlich wieder zurück und faszinierte den Guide wieder einmal mit der Tatsache, dass ich (als einzige von uns) immer noch normale Portionen essen konnte, an diesem Tag gabs Spaghetti mit Gemüsesauce und weil man ja nicht riskieren kann dass was überbleibt hab ich mir 3x nachgenommen. Dann noch meine obligatorische Vego und ab in den Schlafsack. Leider stand unser Zelt extrem schief, weshalb die Nacht eine ziemliche Tortur wurde.

Marlene bezwingt den Kilimandjaro5. Tag
Langsam wurde es spannend, heute gings ins Basislager auf 4.600hm. Der Weg dorthin war herzlich unspektakulär, 3,17km, 610hm, eigentlich nur Steine und Geröll. Wir waren zu Mittag dort, wo es mal ein bisschen zu Essen gab und dann hieß es, wir sollen uns ins Zelt legen, versuchen zu entspannen, denn schlafen wäre auf der Höhe (genau: 4.646m) nicht mehr möglich. Also bin ich ins Zelt und – hab geschlafen. Wie ein Stein. Um 17:00 musste mich der Guide wecken, ich war fast ein bisschen sauer, aber ich musste essen. So richtig war nicht mal mir mehr nach Essen, aber Suppe, diesmal mit ordentlich Toastbrot, ging runter. Dann sofort zurück in den Schlafsack, ich war schließlich immer noch müde. Die anderen blieben alle wach weil sie keine Chance sahen, zu schlafen. Mir war zwar mittlerweile eigentlich permanent schlecht, aber das hat mich weder vom Essen noch vom Schlafen abgehalten.

6. Tag
Um 11:00 in der Nacht wurde ich wieder geweckt und hatte einen totalen Tiefpunkt. Ich war megaMarlene bezwingt den Kilimandjaro gepisst – draußen stockdunkle Nacht, -15 Grad, gewaltiger Wind, ich in meinem gemütlichen Schlafsack, die Welt ignorierend. Half nichts, wer auf den Gipfel will muss um Mitternacht losgehen. Also raus, auf Befehl gegessen (so mitten in der Nacht auf 4.600m freuts nicht mal mehr mich essen), ein bisschen getrunken und dann ging´s auch schon los. Und es folgte: die Hölle. Mich hat sooo unglaublich gefroren, ich war soooo müde, ich hab mich geweigert Pausen zu machen weil ich sofort eingeschlafen wäre. Und das bedeutet mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, dass du das ganze Spiel nicht überlebst. Also Schrittchen für Schrittchen über Schotter (Gott sei Dank gewaltig rutschig, sonst wäre das ganze ja noch einfach geworden), 6 Stunden lang, 5km, 1.275hm permanent steil bergauf. Das war mental unglaublich hart.

Marlene bezwingt den KilimandjaroBis auf die Tatsache, dass mir schlecht war ging es mir im Nachhinein betrachtet, körperlich richtig gut. Aber 6 Stunden steil bergauf durch stockdunkle Nacht, permanent auf die 30cm vor dir konzentrieren weil du sonst abrutschen könntest, ist glaube ich für jeden eine Herausforderung. Zu Beginn habe ich Gedichte aufgesagt, dann hab ich begonnen zu beten, als ich mich darauf nicht mehr konzentrieren konnte, hab ich begonnen Schritte zu zählen. Das hat mich dann aber so deprimiert (ich konnte einfach nicht so langsam zählen, mein Hirn arbeitet zu schnell), dass ich auch damit binnen kürzester Zeit wieder aufgehört habe. Es war – hart! Und dazu diese unglaubliche Kälte, der Wind, es ist einfach unbeschreiblich. Tja, aber wie heißts so schön: „if you are going through hell keep going!”. Und das hab ich auch getan und so war ich irgendwann am Stella Point angelangt. Freuen konnte ich mich kaum drüber, ich war viel zu erschöpft. Also kurz ein Foto gemacht und eigentlich die Rückreise angetreten, als der Freund meines Vaters so meint: „Marlene was machst du, wir gehen jetzt auf den Gipfel.“ Und ich war einfach nur viel zu erschöpft um zu wiedersprechen. Mir kam es in dem Moment einfacher vor, nochmal einen km weiter zu gehen, als zu sprechen. Also Rucksack und seine Hand genommen und begonnen zu gehen. Gleichzeitig ging die Sonne auf, es wurde schlagartig wärmer, hinter uns ein unglaublicher Sonnenaufgang, vor uns schönster Gletscher – und in mir kehrten die Lebensgeister zurück.

Marlene bezwingt den KilimandjaroSo bewältigten wir das letzte Stück, das mit 1 Stunde Gehzeit angeschrieben steht, in nicht mal 20min. Am Gipfel angekommen stellt man sich vor, man genießt den Ausblick, freut sich, fällt sich in die Arme, ist völlig euphorisch. Nichts ist man mehr, gar nichts mehr, außer müde. Und wollt ihr ehrlich wissen, was das einzige war, was ich da oben noch wollte? RUNTER! Und so hab ich mich sofort nach dem obligatorischen Foto auf den Weg gemacht, der leider keineswegs so einfach war, wie erhofft. Mittlerweile war der vorher noch zumindest teilweise gefrorene Schotterboden aufgegangen und das ganze wurde eine einzige Rutschpartie. Sicher a Spaß wenn du noch die Kraft hast, deine Oberschenkelmuskulatur zu aktivieren, aber die hatte ich nicht mehr. So bin ich sicher 20x gestürzt, das war eine einzige Qual.Marlene bezwingt den KilimandjaroErst im Camp angekommen wurde mir langsam bewusst, was ich da gerade geschafft habe und ich war so unglaublich stolz. Leider blieb mir dazu nicht allzu viel Zeit, da es zu regnen begann mussten wir früher aufbrechen, 13km bergab. Das ging dann eigentlich recht gut, die Luft wurde natürlich zunehmen Sauerstoffreicher, es wurde wärmer und die Nässe war angenehm für die trockene Haut und die trockenen Schleimhäute. Wir kamen gut voran und waren um 1,5 Stunden schneller im Mwegacamp auf 3.078m als angegeben. Dort gabs Abendessen und wir krochen endlich – nach diesem wirklich langen Tag – ohne viel zu reden in unsere Schlafsäcke.

Marlene bezwingt den Kilimandjaro7. Tag
Wir haben soooo gut geschlafen! Wir waren super vergnügt und glücklich und so gingen dieletzten 10km bis zum Mwega Gate, wo wir bereits nach 1,5 Stunden Gehzeit ankamen, komplett problemlos

Marlene