Istria 100 – ein Rennbericht aus erster Hand

Istria 100 by UTMB ist nicht nur das härteste Trail-Rennen Kroatiens, sondern es läutete heuer auch die UTMB World Series ein – eine Serie von 25 hochkarätigen Trail-Events um den ganzen Erdball. Fünf Strecken standen in Istrien zur Wahl: die längste, der so genannte „red course“, mit 168 Kilometern und knackigen 6.515 Höhenmetern. Und es wäre nicht unsere Sophia, wenn sie sich nicht für genau diese Route entschieden hätte 🙂

Nach dem Start in der Stadt Labin erstreckt sich der Trail vom östlichen Teil Istriens über seinen höchsten Berg bis hinunter zum Festland und endet am westlichen Teil der Halbinsel in der Stadt Umag. Die Strecke hat Einiges zu bieten: technisches Gelände, mittelalterliche Städte, tiefe Wälder, Stadtzentren, alte Bahntrassen, schlammige Täler – und atemberaubende Panoramen. Aber wirklich gut beschreiben kann das nur, wer auch tatsächlich dabei gewesen ist…

Umso mehr freuen wir uns, dass Sophia uns einen Rennbericht zukommen hat lassen, den wir hier veröffentlichen dürfen. Gefinisht hat sie in einer beeindruckenden Zeit von 25:26:13 und lief damit als fünfte Frau und zweite in ihrer AK ins Ziel. Herzliche Gratulation zu diesem wahnsinnig starken Lauf, zum tollen Ergebnis und vielen Dank für die persönlichen Einblicke!

Sophias Rennbericht

„Istrien? Im Kalender eindeutig zu früh und zu lang, ein DNF im Herbst, ein wunderschönes Rennen, extrem nette Leute – die perfekte Herausforderung für mich also, was kann schon schief gehen?! OK, einiges. Start am Freitag um 17:00 Uhr bei ziemlichem Wind und nicht ganz so warm wie ich es mir für einen Kurzurlaub wünschen würde. Ich hatte von Beginn an mit Bauchschmerzen und Verdauungsproblemen zu kämpfen, vermutlich aufgrund meiner Nervosität – ich setze mich ganz gern selbst unter Druck, das Rennen stand – auch Corona-bedingt – seit Ewigkeiten auf meinem Plan und noch dazu musste ich meinen Versuch im Herbst vermutlich krankheitsbedingt abbrechen. Nachdem ich auf den ersten 40km nur 2 Gels und etwas Iso-Drink zu mir nahm, zu viele Stopps in Istriens schöner Flora machte (keine Details…) und den höchsten Punkt vor mir hatte, schwankte meine Zuversicht doch ziemlich. Doch ich liebe Anstiege und der Magen beruhigt sich durch das langsamere Aufwärts doch sicher. Das redet man sich zumindest während des Rennens ein, und darum geht es doch in Ultras: In schwierigen Situationen die Nerven nicht wegschmeißen, nicht zu weit vorausdenken, weitermachen und vertrauen. Und dann kann Unglaubliches passieren!

Bis Poklon wendete sich für mich das Blatt, langsam konnte ich Nahrung zu mir nehmen (die besten Marmeladebrote meines Lebens, pure Magie! Für eine ausgewogene Mahlzeit noch Salzbrezel drüberstreuen!) und ich spürte die Energie in den Beinen zurückkommen. Das Bergige liegt mir, auch wenn auf den Gipfeln eisiger Wind und Nebel warteten, wodurch die Markierungen oftmals schwierig zu sehen waren und zu einigen Ausflügen ins Gebüsch führten. Der Fokus der Stirnlampe lässt mich immer in meine eigene Welt versinken, in der alles so gut oder schlecht ist, wie ich es mir selbst mache – Pippi Langstrumpf weiß, wovon ich rede.

Und dann der Sonnenaufgang am letzten Hügel vor Buzet (100km), begleitet von Vogelgezwitscher – neuer Tag, neue Energie, so sind die Regeln. Gesicht waschen, ein Becher mittelmäßiger zu süßer Kaffee, und dann die Hügel der Reihe nach einsammeln 😉 Wunderschöne mittelalterliche Städte wechseln sich mit Pfaden durch die grün blühende Frühlings-Natur ab, mit Olivenhainen, Eseln, klatschenden und gut zusprechenden Menschen am Straßenrand. Und plötzlich fühlt sich alles möglich an, das abwechselnde Auf und Ab macht Spaß und die Strapazen sind erstaunlich leicht auszuhalten. Es läuft wie von selbst, das Ziehen in den Beinen lässt sich gut ignorieren.

Die letzten Kilometer sind immer die schwierigsten, aber diesmal fühlte ich mich super und sie zogen nur so vorbei! Eine Überraschung hielt das Rennen noch für mich bereit: Plötzlich ein Gewitter, Hagel und Sturm, so kalt, dass ich nicht einmal mehr stehen bleiben möchte, um die Regenhose mit trotz Handschuhen klammen Fingern auszupacken. Folglich die einzige Möglichkeit: mehr Tempo, so schnell wie möglich ins Ziel. Zuerst taucht die Stadt auf, das letzte Stück durch Schlamm, der die Schuhe schwer werden lässt. Dann ist sie da, die Laufbahn vor dem Ziel. Die letzten 200 Meter und dann ganz alleine durch den Zielbogen, da alle Zuschauer vor dem Unwetter geflüchtet sind. Macht aber nichts – ich weiß, was ich geleistet habe, und feiere trotzdem, erst recht!

Im Ziel kümmern sich gleich Helfer und der dortige Arzt um mich, nett und kompetent. Auch unter mehreren Decken und zitternd vergeht mir das Grinsen nicht. Ich bin fasziniert davon, was alles möglich ist, stolz, wie ich meine Hürden überwunden habe und weiß noch dazu, dass ich mit dem Laufen etwas für mich ganz Spezielles gefunden habe – etwas, wo ich meine Grenzen austesten kann. Aber jetzt erstmals eine kurze Pause, Erholung und Kräfte sammeln. Und jede Menge Eis – ihr wisst schon, das Gute, nicht das Billige vom Himmel…“

Istria 100 - ein Rennbericht aus erster Hand

Fotos: Privat / Sportograf

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